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  • Nora Cahanovitc

Gute Gefühle, schlechte Gefühle?

Sei doch mal fröhlich! Warum kann ich mich nicht mehr freuen?! Entspann dich halt mal! Kennst du diese Sätze? Hast du sie selbst vielleicht schon oft gedacht oder oft zu hören bekommen? Und verzweifelst auch du manchmal daran, dass du es irgendwie viel zu selten schaffst, “gute Gefühle” zu haben?


In diesem Artikel räume ich mit dem verbreiteten Vorurteil auf, dass es überhaupt “gute” und “schlechte” Gefühle gibt! Stattdessen zeige ich dir, welche verschiedenen Facetten die wichtigsten Gefühle haben und möchte dir damit einen neuen Blick auf deine eigene Gefühlswelt ermöglichen.



Häufig vermeiden wir Gefühle

Scham, Angst, Trauer, Wut - wer mag das schon? Die meisten von uns wollen diese Gefühle so wenig wie möglich spüren. Wenn die Angst aufkommt, machen wir uns schnell einen Plan, der uns absichern soll. Oder wir gehen der gefürchteten Situation gleich ganz aus dem Weg. Wenn wir einsam sind, lenken wir uns mit Serien ab. Wut? Scheinen die einen kaum zu kennen, während andere ständig wütend sind. Und vor Scham schämen wir uns so sehr, dass wir kaum daran zu denken wagen.


Gefühle, die wir als unangenehm empfinden, sollen in unserem Leben so wenig Platz wie möglich haben. Wir Menschen haben die Neigung, das Angenehme zu suchen und das Unangenehme zu meiden. Das ist eine angeborene Überlebensstrategie. Hinzu kommen noch die vielen Idealbilder von zufriedenen und glücklichen Menschen, die uns rund um die Uhr vor die Nase gehalten werden - da bleibt nicht viel Toleranz für das Unangenehme.


Wofür gibt es Gefühle?

Aber, wofür haben wir Gefühle? Evolutionär gesehen, sichern Gefühle unser Überleben. Jedes Gefühl hat seinen Sinn. Es entsteht in einer bestimmten Problemsituation und bereitet uns körperlich und seelisch darauf vor, dieses Problem zu bewältigen. Jedes Gefühl weist uns auf ein wichtiges Bedürfnis hin und hat das Ziel, dieses Bedürfnis zu befriedigen. Ist das Ziel erreicht, das Bedürfnis erfüllt, kann sich das Gefühl wieder lösen. Auf dem Weg dahin hat jedes Gefühl beides: Vor- und Nachteile, angenehme und unangenehme Eigenschaften.


Ärger

Beginnen wir mit Ärger. Ärger empfinden wir, wenn wir Hindernisse bei der Erreichung unserer Interessen wahrnehmen. Bei Ärger sind die Vor- und Nachteile sehr deutlich spürbar.


Einerseits gibt uns der Ärger Energie, macht uns handlungsfähig und verschafft uns das Gefühl von Stärke und Kontrolle. Wir sind im Recht und kämpfen dafür! Das tut gut, stärkt unseren Selbstwert und schützt uns. Weil wir uns mit Ärger stark und sicher fühlen, tritt Ärger häufig als Sekundäremotion auf, also als Reaktion auf ein verletzliches Gefühl, das dieses in Millisekundenschnelle überlagert.


Der Nachteil von Ärger ist, dass er anderen Menschen Angst macht und sie von uns weg stößt.


Das Ziel von Ärger ist die Zielerreichung bzw. die Wahrung unserer Interessen. Ärger kann sich lösen, wenn wir Kontrolle gewinnen und uns Gehör verschafft haben.


Gleichzeitig gibt es Menschen, die so sehr dazu erzogen wurden, keinen Ärger zu zeigen, dass sie ihn kaum spüren können. Für sie ist der bedrohliche Aspekt von Ärger so überragend, dass sie schon allein das Gefühl als Bedrohung empfinden. Das führt nicht selten dazu, dass sie erhebliche Schwierigkeiten dabei haben, sich zu zeigen, sich Gehör und Raum zu verschaffen und für sich einzustehen.


Trauer

Trauer empfinden wir bei Verlust. Hauptsächlich bei Verlust der Bindung zu einer Person oder einer Gemeinschaft.


Sie kann auch bei einem Mangel an Bindung auftreten. Hinter der Trauer steht also das Bedürfnis nach Bindung, also nach Verbundenheit, Akzeptanz und Liebe. Trauer will Trost und den Ersatz der verlorenen Bindung. Trauer ist ein zutiefst schmerzliches Gefühl. Das ist ihre unangenehme Eigenschaft.


Oft geht Traurigkeit mit Weinen einher, was wiederum Stresshormone reguliert und ein Gefühl von Erleichterung begünstigt. Andere Menschen reagieren intuitiv mit Mitgefühl, Annäherung und dem Bemühen, Trost zu spenden. So hilft die Trauer uns dabei, uns mit anderen zu verbinden, den Trost in der Gemeinschaft zu finden und das Bedürfnis nach Bindung wieder zu befriedigen.


Gleichzeitig wirkt Trauer auf andere Menschen oft überfordernd und führt dazu, dass sie Abstand halten, entgegen der intuitiven Reaktion. Diese Erfahrung ist für die Trauernden ganz besonders schmerzlich. Der Schmerz der Trauer wird dann noch durch den Rückzug und das nicht erfüllte Bindungsbedürfnis verstärkt.



Angst

Angst ist unser Warnsignal bei Gefahr. Das ist einleuchtend. Angst will uns schützen und Sicherheit wieder herstellen. Deswegen schärft Angst die Aufmerksamkeit, fokussiert auf Gefahrensignale, aktiviert den Körper und hilft uns so, die Situation zu kontrollieren. Das kann durchaus eine motivierende Wirkung haben.


Wenn wir Angst haben, fühlen wir uns aber auch schwach, klein und verletzlich und wir haben die Tendenz, uns verstecken zu wollen. Auf diese Weise kann Angst lähmend wirken und die Handlungsfähigkeit einschränken.


Angst wird dann problematisch, wenn sie nicht im Verhältnis zur tatsächlichen Gefahr steht und wenn sie durch ständige erfolglose Kontrollversuche zusätzlich aufrechterhalten wird. Anderen Menschen signalisieren wir mit dem Ausdruck unserer Angst, dass wir Hilfe und Schutz benötigen. Wenn wir diesen Schutz bekommen oder die bedrohliche Situation kontrollieren können, ist das Bedürfnis nach Sicherheit und Unversehrtheit befriedigt und die Angst kann sich wieder lösen.



Scham

Scham ist vielleicht das Gefühl, das von den meisten Menschen als am unangenehmsten empfunden wird. Scham ist ein sehr soziales Gefühl, das auch nur im sozialen Kontext auftritt. Wir schämen uns, wenn wir glauben, dem Vergleich mit anderen nicht standhalten zu können, unterlegen zu sein und den Normen der Gesellschaft nicht gerecht werden zu können. In der Scham ziehen wir uns zurück. Wir wollen im Erdboden versinken! Mehr noch, wir wenden uns gegen uns selbst und quälen uns mit Selbstvorwürfen.


Aber Scham hilft uns eben auch, uns der Gemeinschaft, in der wir leben, anzupassen, uns unterzuordnen und unser soziales Gefüge zu erhalten. Darin steckt eine Energie, die uns dabei hilft, ein Problem zu lösen und uns Hoffnung auf Besserung vermittelt. Wenn wir Wertschätzung und Liebe erfahren und uns als wertvolles Mitglied der Gemeinschaft fühlen, kann sich die Scham wieder lösen.


Menschen, die häufig beschämt wurden, tragen dieses Gefühl oft tief in sich. Weil die Scham mit einer so großen Angst vor Zurückweisung einhergeht, zeigen sie diese nie und tun alles, um die vermeintliche Unzulänglichkeit zu verbergen. Ja, wir schämen uns dafür, dass wir uns schämen! Die Erfahrung, die Scham besetzten Eigenschaften zu offenbaren und weiterhin geliebt und geschätzt zu werden, ist heilsam.



Freude

Auch Freude, die wir so gerne empfinden, hat mehrere Facetten, die nicht alle und nicht immer hilfreich sind. Klar, Freude lässt uns offen, spielerisch und neugierig sein, zieht andere Menschen an und tut uns gut. Es lohnt sich, im Leben Platz für Freude zu schaffen.


Damit Freude nachhaltig wirken kann, ist es wichtig, dass auch sie bedürfnisorientiert entsteht. Allzu oft versuchen wir Freude durch Konsum zu erzeugen. Durch Kaufen, Essen, Urlaub, Alkohol… wir wollen Freude erzeugen und andere Gefühle wegmachen.


Freude wappnet uns jedoch nicht gegen die Widrigkeiten des Lebens. Im Zustand der Freude können wir Stress, Bedrohungen und sozialen Spannungen wenig entgegen setzen. Wenn wir nur nach Freude und Entspanntheit streben und immer wieder diesen Gefühlszustand erleben und erhalten wollen, ignorieren wir die Bedürfnissignale unseres Körpers und unserer Seele.


Gefühle annehmen

Jedes Gefühl hat also seine Berechtigung. Immer. Denn es will uns immer etwas sagen. Unsere Bedürfnisse ernst zu nehmen und sie langfristig ausreichend zu befriedigen, ist der Schlüssel zu einem zufriedenen und erfüllten Leben.


In der emotionsfokussierten Beratung unterstütze ich meine KlientInnen darin, ihre Gefühle mit wohlwollendem Blick wahrzunehmen, anzunehmen und zu verstehen. Und wir erarbeiten, wie sie im Alltag ihre Bedürfnisse ernst nehmen, äußern und befriedigen und gleichzeitig den alltäglichen Anforderungen und einschränkenden Bedingungen gerecht werden.








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